„Aus dem wilden Süden“

Der nachfolgende Text ist eine persönliche Nachricht zur aktuellen Situation in Argentinien vom Pfarrer Kalmbach an Micha Schradi:

 

,,Lieber Micha,

Seit zehn Tagen liegen wir unter einer Kälteglocke, nachts bis 12 unter Null, oder noch mehr, tagsüber steigt das Thermometer auf 6 unter Null. Aber Schnee gibt es bis jetzt nur in den Bergen. Am Samstag fuhr ich nach Bariloche. Eigentlich sollte ich so etwas gar nicht machen. Ich warte immer noch auf die zweite Impfung mit Sputnik. Seit der ersten Dosis vergingen bereits über vier Monate. Argentinien verzeichnet extrem viele Todesfälle von Covid-Patienten die schon eine Impfung hatten. Im Heim in Allen starben 10 Heimbewohner in ganz kurzer Zeit, alle waren bereits einmal geimpft.

Am Samstagnachmittag und gestern war ich im Projekt „ Gotitas“. Du kannst Dir sicherlich vorstellen, wie die Menschen dort im Barrio wohnen bei diesen Temperaturen. Ab nächster Woche darf Gotitas wieder seinen Comedor (Mittagessen) öffnen. Bis jetzt werden täglich für ungefähr 370 Familien Essen ausgegeben. Jeweils ein Mitglied einer Familie holt das Paket ab: eine warme Mahlzeit, etwas Brot und Obst, ein Liter Milch. Gleichzeitig funktioniert zur Zeit eine Kleiderkammer mit gespendeter Kleidung. Wir haben zugesagt für Kinder bis 10 Jahren neue Winterschuhe zu besorgen. Die meisten kommen mit abgewetzten Schlappen oder Turnschuhen, bei 12 Grad unter Null. Ich bin ja ziemlich viel gewohnt, aber diese extreme Not hat mich doch geschockt… Die Frauen aus der Gemeinde stricken Handschuhe und Mützen im Akkord.

Der kleine Junge auf dem Foto, ist Lucas, der kleine Liebling der Frauen die die Bäckerei betreiben. Er hat sieben Geschwister und vor einem Monat brannte das Häuschen ab, in dem sie mit ihrer Mutter wohnten. Jetzt sind sie bei der Grossmutter untergekommen, zwei kleine Zimmer, Miniküche, Klo und Dusche hinterm Haus. Lucas holte das Essen für seine Geschwister und stibitzt immer noch etwas Süsses aus der Bäckerei. 

Die Bäckerei funktioniert, Gott sei Dank!, sehr gut, alle Überschüsse bekommt das Projekt Gotitas. Die Stadt übernimmt grade wenigstens die Stromkosten.

Nächste Woche will ich wieder nach Bariloche und ich werde mir das abgebrannte Haus anschauen. Auch um zu sehen ob wir unterstützen können. Übrigens, ich habe mich bereit erklärt bei Gotitas im Vorstand mitzumachen.

Allen und das Altenheim: nachdem das Heim über ein Jahr lang keinen einzigen Covid-Fall verzeichnete (das kam sogar in den Medien), kam es jetzt wie ein Tsunami. Eine alte Dame war für drei Tage im Hospital in Allen wegen eine Harnwegsinfektion. Als sie entlassen wurde, hat man bei ihr keinen Test gemacht, obwohl das Hospital praktisch covidverseucht war. Nach drei Tagen hatte sie die ersten Symptome, Juan (der Altenheimleiter) hatte sofort Alarm ausgelöst und Tests bei allen Heiminsassen beantragt. Es vergingen weitere drei Tage, bis das Hospital jemanden schickte, um nur diejenigen zu testen die Symptome zeigten. Dann ging das grosse Sterben los: in neun Tagen starben zehn Heimbewohner. Das Hospital nahm niemanden auf (lasst sie doch im Heim sterben), da kein Sauerstoff mehr da war. Von hier aus habe ich den Juan gebeten sofort Sauerstoff in Flaschen zu kaufen. Das hat zwei Tage gedauert und war natürlich teuer. Sauerstoff wird zur Zeit wie Gold gehandelt, der Preis steigt täglich. Nun hat sich die Lage etwas beruhigt, aber die Zukunft sieht düster aus: es müssten mehrere Angestellte entlassen werden um über die Runden zu kommen, das hat die Regierung aber verboten. Wer dennoch entlässt, muss zwei Jahresgehälter Abfindung bezahlen. 

Es gibt mehrere Vorschläge: man könnte das Heim sozusagen schließen und mit den verbliebenen Bewohnern und drei Angestellten, plus Juan, neu beginnen. D.h. wir müssten offiziell Konkurs anmelden, um neu starten zu können. Das haben wir ja bereits 2001 so gemacht. Ein anderer Vorschlag ist, das Heim schrittweise in eine Behinderteneinrichtung zu verwandeln. Wir haben uns drei Monate Zeit genommen, um die Vorschläge auszuarbeiten.

Vielleicht bekommt man das in Deutschland auch mit: Argentinien verzeichnet fast 100 000 Covid-Tote. Im November verkündete unser Präsident: “…ich nehme lieber 10% mehr Arme in kauf, als 40 000 Tote…”, jetzt haben wir 15% mehr Arme und fast 100 000 Tote. Nun wurden die Auslandsreisen wieder stark eingeschränkt, täglich dürfen über Ezeiza (internationaler Flughafen von Buenos Aires) nur 600 Personen einreisen.

Okay, ich hoffe, diese kleine Info gibt dir und euch ein wenig Einblick in unsere Situation. Wir haben an schweren Zeiten schon so einiges hinter uns, aber was vor uns liegt wird wohl als Superlative in unsere Lebenserfahrungen eingehen. Das geht so langsam richtig an die Substanz…

Ach ja, eine gute Nachricht noch: Argentinien ist Gruppensieger der Copa America und absoluter Favorit – gestern, Argentinien : Bolivien 4:1

Liebe Grüsse aus dem kalten und wilden Süden

Reiner“



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