Brief von Pfarrer Kalmbach – Aktuelle Lage

Im nachfolgenden Brief beschreibt Pfarrer Kalmbach die aktuelle Lage in Argentinien in seinen eigenen Worten:

„Liebe Freunde,

In den letzten Wochen und Tagen spitzt sich die Situation in Argentinien zu. Die Hospitäler und Kliniken können keine Covid-Patienten mehr aufnehmen, immer mehr Kranke sterben, weil kein Intensivbett und kein Sauerstoff zur Verfügung stehen.

In unserem Altenheim in Allen haben wir zur Zeit neun Fälle, obwohl sämtliche Heimbewohner bereits beide Impfungen bekommen haben, gestern starb eine ältere Frau, weil im Hospital in Allen kein Sauerstoff da war. Seit einer Woche befindet sich das ganze Land praktisch in Phase 1. Jetzt sind immer mehr junge Menschen betroffen. 

Für die Wirtschaft eine Katastrophe…, 98000 Betriebe haben ihre Türen für immer geschlossen, in den letzten 16 Jahren haben die Löhne und Gehälter gegenüber der Inflation (monatlich 4,8%) das Nachsehen. 54% aller Beschäftigten sind “informell”, d.h. sie haben keine Festanstellung, leben also von Gelegenheitsarbeiten, oder sind selbständig. 

Die Regierung improvisiert, hat jegliche Orientierung verloren. Im Juli letzten Jahres hat Präsident über 50 Millionen Impfdosen für Dezember (2020) versprochen, schliesslich hat Pfizer in Argentinien einen Grossversuch mit über 10.000 Freiwilligen durchgeführt. Plötzlich hiess es, dass Pfizer unerfüllbare Bedingungen gestellt habe. Anfang dieses Jahres kamen dann die ersten Lieferungen der Sputnik und Astra Zeneca, aber viel zu wenig. Und die ersten Lieferungen wurden unter “VIP” Leuten verteilt, Funktionäre, der Regierung nahestehende Journalisten, Künstler, usw., insgesamt wurden über 70000 “ VIP” geimpft, während das Personal im Gesundheitsbereich leer ausging. Einer der höchsten Funktionäre der Regierung im Rang eines Staatssekretärs, trug sich, zusammen mit seiner Frau, in die Impfliste für Personal im Gesundheitsbereich ein (wie alle Ärzte, Krankenschwestern  usw…). Er leitet jedoch die juristische Abteilung im Präsidialamt…., in einem Fernsehinterview wurde er gefragt, ob er ein schlechtes Gewissen habe, schliesslich hätten dadurch zwei wirklich Bedürftige ihre Impfung nicht bekommen. Er sagte, dass er sogar Stolz darauf sei, er gehöre, wie viele andere auch, zu unverzichtbaren Personen, die dem Land einen grossen Dienst erweisen. 

In den letzten Tagen sickerte durch, dass die Regierung, bei den Verhandlungen mit Pfizer, auf eine argentinische Vertreiberfirma bestanden habe, d.h. es ging einfach darum, Geld in die Taschen von irgendwelchen Funktionären abzuzweigen. So läuft das hier immer. Pfizer konnte diese Bedingung natürlich nicht akzeptieren. Bis heute haben nur 2,5% aller Argentinier die komplette Impfung, also zwei. 

Einer der bekanntesten Gesundheitsexperten im Land hat hochgerechnet, dass durch die stümperhafte Politik der Regierung über 15.000 Menschen starben. Argentinien verzeichnet pro 1 Million Einwohner die meisten Coronatoten weltweit, viel mehr als Brasilien und Indien. Insgesamt starben bereits über 70.000 Menschen.

Die soziale Situation steuert auf eine Explosion zu. In manchen Provinzen haben die Kinder seit fast zwei Jahren keine Schule, die Unis sind seit März letzten Jahres geschlossen, sieben von zehn Kindern sind arm. Seit Anfang letzten Jahres hat Argentinien fast 5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Aber die Regierung scheint andere Prioritäten zu haben: eine “Justizreform”, um die aktuelle Vizepräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner und hunderte von Funktionären ihrer ehemaligen Regierung (bis 2015) vor dem Gefängnis zu bewahren. 

Um die Inflation zu bremsen (sie wird dieses Jahr über 50% liegen) wurde der Fleischexport verboten, einer der wichtigsten Deviseneinnahmen des Landes. Daraufhin haben die Landwirte und Viehzüchter einen landesweiten Streik ausgerufen, mit dem Ergebnis, dass die Lebensmittelpreise jetzt noch schneller steigen. Das grosse Problem der Regierung ist, dass an den wichtigsten Stellen in den Ministerien keine Fachleute sitzen, sondern Ideologen. Die haben nicht die geringste Erfahrung, es geht ihnen nur darum, die ideologischen Richtlinien der Regierungskoalition einzuhalten. So wurde der Präsident der staatliche Ölfirma YPF entlassen, ein fähiger Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung. Jetzt sitzt ein Mann aus dem Umfeld Cristinas an der Spitze des Konzerns, d.h. Die Regierung sichert sich so den Zugang zu frischem Geld.

Eine der bekanntesten Politikwissenschaftlerin, die Soziologin und Schriftstellerin Beatriz Sarlo, eigentlich eher links einzuordnen, sagte neulich in einer Talkshow: “die Regierung von Alberto Fernandez ist die schlechteste seit der Rückkehr der Demokratie 1983, sie wird uns, eben durch ihre Unfähigkeit, in den Abgrund führen…“ 

Die Angst vor einer sozialen Explosion steigt täglich. Wie schon vor zwei Jahren in Chile und jetzt gerade in Kolumbien, die Situation ist unglaublich angespannt. Wir haben die Krise in 2001 miterlebt, was aber jetzt gerade hier passiert stellt alles in den Schatten. Da kommt alles zusammen: Corona-Katastrophe, wirtschaftlicher Zusammenbruch, politische Konflikte die immer mehr in Gewalt ausarten, Verarmung von Millionen und, was vielleicht noch schlimmer ist, als alles andere: keine Aussicht auf Besserung! In der Bevölkerung bildet sich ein gefährlicher Cocktail: Wut und Trauer und überall Traurigkeit. Die Argentinier sind an Krisen gewöhnt, sie haben die Fähigkeit sich schnell auf die veränderte Situation einzustellen. Nur deshalb liegt die Explosion noch vor uns und wir haben sie noch nicht hinter uns. Aber ich befürchte, dass die “Zukunft” schon sehr bald eintritt.

Und nun steht der Winter vor der Tür, für immer mehr Argentinier ein Alptraum. 

Wir wohnen ja seit Januar in El Bolsón, das liegt 120 km südlich von Bariloche. Endlich in den eigenen vier Wänden. Es ist so eine Art ankommen. Aber leider ziemlich weit weg von unseren Kindern und Enkelinnen.

Thea und ich haben eine Dosis der Sputnik bekommen, aber jetzt müsste die zweite anstehen, in zwei Wochen ist die Frist abgelaufen. Natürlich ist wieder alles zu, wir können auch nicht nach Bariloche oder San Martin fahren. Ich wollte ab 1. Juni in Rente gehen, aber ich konnte noch nicht einmal meinen Rentenantrag hier stellen, weil die Büros der Rentenversicherung mit einer Wartezeit von bis zu 6 Monaten arbeiten. Jetzt habe ich einen Termin für Mitte Juni…, mal sehen.

Wie im letzten Freundesbrief angekündigt, werde ich die Gemeinden noch bis Ende des Jahres begleiten. Die Stelle ist bereits ausgeschrieben, es gibt auch zwei Kandidaten, aber im Moment können sie nicht einmal anreisen, um die Arbeit kennenzulernen…

Und meine Reise nach Deutschland ist vorläufig für Oktober vorgesehen, aber da kann ich mich noch nicht festlegen.

Neulich sagte ich in einem Gespräch mit einer Frau die sich als Atheistin versteht und, angesichts der ganzen Situation, vollkommen verzweifelt ist: “…Gott sei Dank, dass ich glauben kann, so kann ich wenigstens noch hoffen…“

 

Herzliche Grüsse aus dem winterlichen Patagonien

Reiner“



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